Impuls zur Weihnachtsgeschichte zum Mithören

Impuls zur Weihnachtsgeschichte

Liebe Gemeinde,

 

was für ein Weihnachten! Ganz viel ist in diesem Jahr nicht so, wie wir es gewohnt sind, wie es sein sollte: Kein Gottesdienst in der Kirche; stattdessen feiern Viele zuhause. Besuche bei Verwandten oder von der Familie gibt es nur ganz eingeschränkt. Selbst Geschenke kaufen und verschicken war durch den Lockdown plötzlich schwierig.

„Kann man so überhaupt Weihnachten feiern? Kann man sich so überhaupt freuen?“, könnte man da fragen.

Aber wenn man zurückdenkt an das erste Weihnachten, wenn man die Geschichte von der Geburt Jesu hört, dann war es damals nicht besser: Maria, hochschwanger, mit Josef auf der Straße, vielleicht zu Fuß, vielleicht auf einem Esel, und dann die Geburt im Stall: „Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“ (Lk 2, 7)

„Kann so wirklich der Sohn Gottes geboren werden?“ könnte man da fragen? Ist das dem Sohn des Höchsten, des Heiligen, des ewigen Gottes zumutbar? Nach menschlichen Begriffen sicher nicht. Wenn sich sonst Menschen ausmalen, dass der Sohn eines Gottes oder ein Gott auf der Erde geboren werden, dann sieht das jedenfalls immer anders aus:

Als in der griechischen Mythologie erzählt wird, dass Herakles, der Sohn des Zeus geboren wird, da wird er natürlich in ein Adelsgeschlecht geboren, wäre um ein Haar Herrscher über einen Staat geworden. Im Hinduismus wird von dem Gott Krishna erzählt, dass er auf der Erde gelebt hat, aber auch von ihm wird erzählt, dass er in eine königliche Familie geboren wurde als Sohn einer Prinzessin.

Aber nicht so Jesus: Er wird in einem Stall geboren, als Sohn eines Zimmermanns, und einfache Hirten sind die ersten, die ihm huldigen.

Ich glaube für Jesus war diese Geburt kein Unfall; sie ist Programm. Wenn man schaut, wie Jesus später gelebt hat, welches Leben er für sich gewählt hat, dann passt diese Geburt dazu. Jesus lebt einfach, zieht umher, zu Fuß, sucht weder Macht noch Reichtum: Er stellt das selbst einmal fest; er sagt: „Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann.“ (Lk 9, 58)

Jesus hat keinen Ort, erst recht keinen Palast, er sucht aber die Menschen, alle Menschen. Er geht zu den Ärmsten, den Vergessenen, den Bettlern und Lahmen am Straßenrand, er geht zu den Aussätzigen, denen sich niemand nähern darf und will. Er geht sogar zu den Sündern, zu denen, die es sich mit allen verspielt haben, mit denen niemand etwas zu tun haben will, mit denen niemand gesehen werden will.

Und ich glaube, die, die Jesus so begegnet sind, die haben ein Zeichen darin gesehen: Die Blinden und die Lahmen, die niemandem mehr helfen konnten, die zu nichts mehr nütze waren in der damaligen Welt, die von hingeworfenen Almosen leben mussten, die haben gespürt: Wir sind doch nicht vergessen, wir sind doch noch etwas wert.

Als Jesus den Sünder Zachäus besucht hat, da haben die Frommen, bzw. die, die sich für fromm gehalten haben, die Scheinheiligen, Selbstgerechten, die haben gemurrt: „Wir kann er mit so einem zusammen essen?“ Es hat Jesus etwas gekostet: Ansehen, Beliebtheit; manche haben ihn deshalb kritisiert, nicht mehr respektiert, haben auf ihn herabgesehen. Aber das hat Jesus nichts ausgemacht, weil er sich um solche Dinge nicht geschert hat, so wie er sich nicht um einen Palast oder Reichtum oder Macht geschert hat. Und für Zachäus, den Zöllner, den Sünder, hat es allen Unterschied gemacht. Es hat sein Leben verändert. Es hat ihn berührt und getroffen, als er gespürt hat, wie anders sein Leben sein könnte; es hat ihm Mut gemacht und Kraft gegeben zu spüren, dass er Jesus nicht egal ist, dass Jesus an ihn glaubt. Und dafür, für die Freude des Zachäus, für sein Glück, als er sein Geld weggegeben hat, als er gespürt hat, dass es erfüllender ist für andere da zu sein, als Geld anzuhäufen, dafür hat Jesus gelebt – nicht für Geld, nicht für ein weiches Bett.

Das ist das Geheimnis, Jesus hat nicht in Reichtum gelebt, nicht umgeben von Gold und Marmor und Samt und Edelsteinen, aber er hat Reichtum in sich getragen und hat Menschen reich gemacht, hat ihr Leben reicher gemacht, wenn sie ihm zugehört haben und seinem Beispiel gefolgt sind: „Macht euch keine Sorgen um euer Leben – was ihr essen sollt. Oder um euren Körper – was ihr anziehen sollt. Denn das Leben ist mehr als Essen und Trinken. Und der Körper ist mehr als Kleidung. . . . Strebt vielmehr nach Gottes Reich – dann wird Gott euch auch das alles geben.“ (Lk 12, 22.23.31) So hat Jesus zu seinen Jüngern gesprochen.

 

Liebe Gemeinde, es ist gut, dass wir Bräuche und Traditionen haben, dass wir Geschenke machen und gutes Essen essen und das Haus schmücken, um das Fest zu feiern. So drücken wir ja aus, welche Bedeutung das Fest für uns hat.

Aber die Bräuche und die Zeichen dürfen nicht das einzige sein, sie dürfen nicht der alleinige Grund sein, warum wir uns freuen. Das wäre ja schlimm, wenn man das Essen und die Geschenke und die Feier wegnimmt, wenn dann nichts übrigbleiben würde.

Und ich glaube, damit liegt in diesem besonderen, eigenartigen, schwierigen Weihnachten eine Chance, dass wir uns ohne manche Bräuche und Traditionen, bei diesem kleineren, stilleren, ärmeren Fest darauf besinnen können, was unter all dem Schmuck und Spektakel eigentlich liegt: Nicht der Reichtum des Fests ist entscheidend, sondern dass das Fest uns reich macht. Reich nicht an Geschenken, sondern reich, weil unser Gott zu uns kommt, weil er sich nicht zu schade ist, unsere Erde zu besuchen, sogar in einem billigen Stall absteigt, so lange er uns dadurch nahe sein kann.

Hoffentlich ist das auch für uns ein Zeichen, wie es für die Hirten ein Zeichen war, für die Blinden und Lahmen, für die Aussätzigen, für Zachäus und viele andere, die als Sünder galten: Ein Zeichen, dass Gott keinen aufgegeben hat, dass wir bei ihm alle kostbar und wertvoll sind und er für uns da sein will.

Und mit dieser Botschaft, meine ich, kann man ganz sicher Weihnachten feiern, egal wie, egal wo, egal ob in einer Kirche oder draußen am Musikpavillon oder in der Wohnung, egal ob mit vielen oder mit wenigen, egal ob mit reichen Geschenken oder ganz ohne Gaben.

Denn der größte Besucher ist heute Gott und das größte Geschenk ist seine Liebe.

 

Amen.